Demut bedeutet dabei nicht Selbstverkleinerung, sondern die Anerkennung der eigenen Begrenztheit. Ich bin Teil eines größeren Zusammenhangs, nicht dessen Mittelpunkt. Sie erlaubt es, Dinge zu tun, ohne sich über das Ergebnis zu definieren. „Mache jeden Tag zu einem Museumstag“ meinte Gery Seidl in einem Interview und fordert uns auf, jeden Tag ein besonders schönes Ereignis zu beleuchten, es „ins Licht zu stellen“, Die bewusste Aufmerksamkeit vertieft das Erleben und ermöglicht uns schöne Ereignisse bewusst wahrzunehmen, statt sie nur „passieren zu lassen“. Das macht uns lebendig.
Dem gegenüber steht das Größenselbst – ein Begriff aus der Tiefenpsychologie, der die Vorstellung beschreibt, etwas Überdauerndes, Bedeutendes oder Unvergängliches schaffen zu müssen. Wird dieses Größenselbst dominant, entsteht der Wunsch, Spuren zu hinterlassen, die Zeit und Vergänglichkeit trotzen sollen und häufig geht es auch darum andere Menschen damit zu beeindrucken. Das Tun verliert dann seine Lebendigkeit. Es gibt meinem Handeln Bedeutung, dient damit der Stabilisierung des eigenen Egos und wird zum Denkmalbau oder dient dem Wunsch nach Anerkennung und damit der Bestätigung des eigenen Egos.
Ich erlebe im Bekanntenkreis Menschen, die generationenübergreifend Werte schaffen, mit der Erwartung, dass diese auch über Generationen hinweg Bestand haben sollen. Sobald aus dem Wunsch eine feste Erwartung wird, entsteht Druck innerhalb familiärer Systeme und die Anerkennung der Eigenständigkeit jedes einzelnen wird beschnitten.
Der psychische Spannungsbogen entsteht dort, wo menschliches Handeln zwischen diesen beiden Polen oszilliert, zwischen dem Wunsch nach Bedeutung und der Fähigkeit, loszulassen. Reife zeigt sich darin, handeln zu können, ohne sich zu verewigen – präsent zu sein, ohne sich unsterblich machen zu müssen.
So wird das Leben nicht zur Pyramide für die Ewigkeit, sondern zu einer Folge sinnvoller, endlicher Handlungen, die im Moment ihre Wahrheit haben.