Der Hass auf den Exmann ist das Einzige, was ihr gerade noch Energie gibt. Ohne das wäre sie „leer.“ So verbringt sie viel Zeit mit dem Prozessgeschehen, empört sich darüber und empfindet dabei kurzfristig auch ein Gefühl von Stärke und Klarheit.
Tatsächlich liegt unter all dem allerdings tiefe Enttäuschung und Einsamkeit, die sie seit der Trennung empfindet – und dies verbunden mit dem großen Wunsch nach Nähe, denn ganz im Inneren konnte sie sich nie wirklich von ihrem Exmann verabschieden, ihn nie richtig gehen lassen.
Hass kann kurzfristig Sinn simulieren, weil er aktiviert und Identität stiftet. In der Psychotherapie zeigt sich jedoch oft, dass er eine Schutzreaktion auf Verletzung, Ohnmacht oder Leere ist. Er ist selten langfristig konstruktiv und erhöht Dauerstress, belastet Beziehungen und verengt den Blick.
Die „moralische Wut“ wird oft, so wie auch in diesem Fall, öffentlich geteilt, von Freunden verstärkt und kann so ein Gemeinschaftsgefühl erzeugen. Hass oder starke Ablehnung gegen ein „Feindbild“ bündelt Emotionen und mobilisiert solidarische Aktionen. Menschen erleben dadurch das Gefühl, „gemeinsam für oder gegen etwas zu kämpfen“, was kurzfristig Sinn und Orientierung geben kann.
Sinn, der aus Abgrenzung entsteht, ist oft fragil und abhängig von ständigem Konflikt.
Man sollte den Hass als sekundäre Emotion verstehen, der darunterliegenden Gefühle, wie Ohnmacht, Verlust und Angst überdeckt, neue Quellen von Sinn und Zugehörigkeit aufbauen und Selbstwirksamkeit nicht über Feindbilder, sondern über Werte und Beziehungen entwickeln.
Nachhaltiger Lebenssinn entsteht durch positive Bindungen, Werte, gemeinsame Ziele und wertschätzendes Handeln.